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Hausmannskost für festliche Anlässe

Kohlfahrten um 1820 noch das Privileg der Oberschicht

von Wolfgang Hase

An einer solchen Kohlpartie (siehe Text rechts) hätte der Oldenburger Sattlermeister Spieske gewiss gerne einmal teilgenommen. Doch was der 1785 geborene Handwerker von winterlichen Vergnügungen in den Jahren nach der Franzosenzeit berichtet, das weiß er wohl selbst eher aus dem Munde eines jener wohlhabenden Bürger, deren Privileg solche Schlittenlust noch für einige Jahrzehnte bleiben sollte.

Was heute in der nordwestdeutschen Kohlfahrt-Region längst zum selbstverständlichen Bestandteil des geselligen Teils der Jahresprogramme der meisten Vereine und Betriebe geworden ist, wurde noch lange nur möglich durch die richtige soziale Stellung.

Erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zeigten sich die zunehmende bürgerliche Freiheit und der Einkommenszuwachs im Mittelstand auch in der Gestalt solcher nivellierten Formen von Geselligkeit und die Entwicklung von Verkehrsmitteln wie Eisenbahn und Bus verhalf schließlich allen Kreisen der Bevölkerung zu jener Mobilität, ohne die Kohlfahrten nun einmal nicht ihren Charakter gewönnen.

Entstanden aber, da ist sich die Zunft der Kohlfahrt-Kundigen einig, ist dieser winterliche Brauch im frühen 19. Jahrhundert in jenen Kreisen des gehobenen Bürgertums, die auch sommertags eine Landpartie schätzten und von denen sich, wer konnte, längst einen mehr oder weniger aufwendigen Landsitz zugelegt hatte. Mangelte es noch an einem solchen Fahrtziel, so war natürlich auch die Einladung eines befreundeten Landmannes willkommen.

Ein Blick auf jenen Kreis, von dessen Schlittenpartie in das Kirchspiel Wiefelstede uns der Sattlermeister Spieske berichtet, verdeutlicht die Motive, die solche Gemeinschaften wachsen ließ: Die sich hier trafen, verband selbstverständlich auch alltags Vieles. Mit von der Partie sind der Landes-Oberförster Philipp Bodecker (1756-1841), der - seit seiner Amtsenthebung in der Franzosenzeit - für acht Jahre das Tafelgut Mansholt gepachtet hatte, sowie sein Nachfolger als Gutspächter, der Kammersekretär, Gemeinheitsbeauftragte und spätere Hofrat Joh. Conrad Niebour (1786-1849). Beide verband nicht nur die leitende Stellung im oldenburgischen Staatsdienst, sondern vor allem ihr starkes Engagement für die als vorrangig empfundenen Agrarreformen. Sie gehörten 1818 zum Kreis der Gründer der Oldenburgischen Landwirtschaftsgesellschaft (OLG) und engagierten sich besonders für die Aufforstungspolitik. Ein sehr guter Bekannter war ihnen der auch aufgeführte Gristeder Hausmann Johann Diedrich Ovie (1745-1828), der 1821 erster Träger einer Goldmedaille, der höchsten Auszeichnung der OLG wurde - für seine vorbildliche Aufforstungsarbeit. Zu diesem Kreis zählte auch Gerd Boedecker (1787-1852), dessen Mansholter Hausmannsstelle mit 210 ha (nach der Gemeinheitsteilung 1821) die größte des Kirchspiels Wiefelstede war, dessen Vogt er 1832 werden sollte.

Dass auch der Landesfürst sich gelegentlich dazugesellte, bestätigen gleich mehrere Quellen und so vervollständigt sich das Bild eines jener zeittypischen, reformorientierten Kreise, Clubs und Gesellschaften, die - von gleichen Bildungsidealen getragen - die Oberschicht und die gehobene Mittelschicht strukturierten. Dass man bei solcher Gelegenheit ein Allerweltsessen wie Grünkohl aß, zeigt allemal die Verbundenheit mit dem Landmann: Es gab eben Hausmanns-Kost - mit allerdings sehr feiertäglichem Umfang an Beilagen.

Warum solche - sozial längst nivellierte - Form von Wintervergnügen sich allerdings bis auf den heutigen Tag nur in der "Gründungsregion" findet, bedarf noch der schlüssigen Erklärung durch die Kohl-Gelehrtenschaft. Denn Besucher, die außerhalb Ostfrieslands, des Oldenburger Nordlands und des Bremer Landes ihre Heimat haben, bedürfen stets erst einiger Aufklärung, wenn ihnen hier bei eisiger Kälte ein solch lustiger Zug mit Kohlpalme und gutsortiertem Handkarren in die Quere kommt. Die Rolle des "Gastgebers" - auch das muss der Kohl-Novize lernen - hat allerdings längst die Gastronomie übernommen, seit Kohl- und Pinkelfahrten ein Vergnügen für Jedermann geworden sind.

Wenn solch eine Gesellschaft etwa ebenfalls aus der Stadt Oldenburg stammt, so denkt bei der Rückkehr gewiß keiner daran, was jene Schlittenfahrer der 1820er Jahre erwartete, wenn sie (im Januar) erst nach 17 Uhr zurückkehrten: Die Stadttore waren schon geschlossen und für die Öffnung war pro Kutsche oder Schlitten ein Sperrgeld von 9 Grote zu zahlen - was für viele eine Sperre nicht nur für Vergnügungspläne bedeutete.

 

Abb.rechts:

Nur noch selten findet man in den Gärten diese hochstämmige Variante des "langen Kohls": 150 Zentimeter hoch wurde er in diesem Winter bei einem Wiefelsteder Landwirt. Seine Beliebtheit verdankte der Grünkohl einer Eigenschaft, die ihn zum idealen Gemüse einer Periode machte, in der die richtige Vorratshaltung noch über Gedeih oder Verderb entschied. Er ist weitestgehend winterfest und bedarf noch nicht einmal der Lagerung. An zwei bis drei Wintertagen wöchentlich war er noch um 1800 'wichtigste Komponente des Gemüse-Eintopfs. Man pflückt ihn nach Bedarf und in vergangenen Zeiten lieferten seine frischen Sprossen im Frühjahr eine höchst willkommene erste Ernte. Kein Bauer und kein Bürger Norddeutschlands hätte auf seinen Kohlgarten verzichten wollen und Durchreisende jener Jahre nahmen die hohen Kohlfelder als ein charakteristisches Merkmal der norddeutschen Winterlandschaft wahr.Nur noch selten findet man in den Gärten diese hochstämmige Variante des "langen Kohls": 150 Zentimeter hoch wurde er in diesem Winter bei einem Wiefelsteder Landwirt. Seine Beliebtheit verdankte der Grünkohl einer Eigenschaft, die ihn zum idealen Gemüse einer Periode machte, in der die richtige Vorratshaltung noch über Gedeih oder Verderb entschied. Er ist weitestgehend winterfest und bedarf noch nicht einmal der Lagerung. An zwei bis drei Wintertagen wöchentlich war er noch um 1800 'wichtigste Komponente des Gemüse-Eintopfs. Man pflückt ihn nach Bedarf und in vergangenen Zeiten lieferten seine frischen Sprossen im Frühjahr eine höchst willkommene erste Ernte. Kein Bauer und kein Bürger Norddeutschlands hätte auf seinen Kohlgarten verzichten wollen und Durchreisende jener Jahre nahmen die hohen Kohlfelder als ein charakteristisches Merkmal der norddeutschen Winterlandschaft wahr.

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Sattlermeister H.A. Spieske (geb 1785 in Oldenburg)
verfasste um 1870 seine Lebenserinnerungen.
Darin findet sich auch die älteste überlieferte
Beschreibung von "Kohlpartien" im Oldenburger Land
- nach Mansholt und Gristede im Kirchspiel Wiefelstede.

 

 

"...und dann ward tüchtig eingehauen!"

Erinnerungen eines Oldenburger Sattlermeisters an Kohlpartien um 1820

...Nichts ging indessen für wohlhabende Bürger über die Lust einer Schlittenfahrt im Winter. Dann ließ der Magistrat ansagen, daß jeder Bürger vor seinem Hause den Schnee auf die Straße fegen solle, und wer Pferde und einen rheinischen Schlitten hatte, ließ anspannen. Das Pferd war geschmückt mit einer Schellendecke von rothem Plüsch oder anderem Geläute, mit großem Federbusche auf dem Kopfe und Blumenstrauß auf dem Schweife, der Schlitten mit großem Bärenfell, die Frau des Hauses drin, der Herr hinten auf dem Bock im warmen Pelz und auf dem Kopfe eine Pelzmütze mit hängendem Fuchsschwanz, eine Peitsche in der Hand - und kaum hatte man das erste Peitschenknallen und Schellengeläute gehört, so kamen auch andere Schlitten herbei, die im vollen Rennen durch die Straßen fuhren.

Anderes Fuhrwerk störte die Lust nicht, denn um jene Zeit brachte höchstens einmal ein Bauer ein Fuder Korn zur Mühle oder ein Bürger ein Fuder Dünger zum Acker; so lange es fror, war Schlittenlust. Unser guter Herzog Peter Friedrich Ludwig machte dann auch das Vergnügen mit, und wenn es bekannt wurde, daß Se. Durchlaucht auch fahren wollte, dann fuhr Alles, was irgend konnte, Se. Durchlaucht voran durch alle Straßen Oldenburgs.

Hielt der Frost länger an, so verabredeten sich wohl die Honoratioren zu einer Partie aufs Land, meldeten sich bei einem wohlhabenden Landmann (Bödeker in Mansholt, Ovie zu Gristede u. A.) auf den folgenden Tag zu einem "langen Kohl" an, und wurden dann in dem nach Bauernmanier aufgeputzten Hause festlich empfangen.

In der Mitte des Hauses waren lange Bretter auf Böcke und Schrägen gelegt, mit weißen Tischtüchern bedeckt; die Ehrenplätze wurden aus gefüllten Kornsäcken, drei auf einander, gebildet; die Hausmannsfrau hatte den Kohltopf mit Schinken, halbem Schweinskopf und Mettwurst zu Feuer gebracht und wurde dann auf den Klang des Posthornes gehorcht. Denn ein solcher Zug hatte einen Vorreiter, und wenn der sich hören ließ, standen der Hausherr und die Frau mit ihrem Volk vor der Thüre und riefen Willkommen! Dann wurden die Gäste in die Stube geführt, wo schon eine Kanne mit heißer Milch für die Damen und eine Flasche mit deutschem Kornbranntwein für die Herren bereit stand; die Pferde wurden mit Decken behangen und in den Stall geführt. Auf dem großen Tische stand für jeden Gast ein blank geputzter zinnerner Teller, an beiden Enden des Tisches ein hausbackenes Brot, ein Teller voll Butter und ein ganzer Käse, mehr zum Staat als zum Essen. Die Hausfrau brachte zwei oder drei große Kummen mit Kohl, so fett, daß er nicht mehr dampfte; ein großes Stücke geräuchertes Rindfleisch, Schinken, Wurst und Schweinskopf schmückte die Tafel. Dann ward tüchtig eingehauen, der Bierkrug fehlte auch nicht, und zur Freude des Wirths sagten Alle: "Es bleibt doch wahr, der Kohl schmeckt auf dem Lande immer besser als in der Stadt."

Nach Tisch wurde Kaffee getrunken, bis es Zeit zum Anspannen war. Von Bezahlung war keine Rede, das hätte den Hausherrn beleidigt, der den Besuch für eine große Ehre hielt; aber es wurde eine kleine Summe zusammengelegt und der Hausfrau überreicht, um sie unter die Dienstboten zu vertheilen. Dann ging die Fahrt im Jubel wieder zur Stadt zurück und noch lange wurde von solcher Kohlpartie gesprochen.

aus: H.A. Spieske: Erinnerungen eines alten Oldenburgers. Oldenburg 1874

 

 

 

 

 

Mollberger Palmen... verspeist im Winter 2000

 

...und "Kohlpartien"  heute? 

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