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Flüchtlingsschicksale 1945:

Mittagstisch 1945 auf dem Hof Ovie: Links
der 14jährige Willy Labrenz mit seiner Mutter, die aus Walleiken
(Ostpreußen) zunächst nach Berlin geflohen waren. Es folgen
Bauer Johann Ovie mit Sohn (10) und Tochter (14), daneben der kleine
Horst Baber aus Berlin, Sophie Ovie und ganz rechts die 5jährige
Hildegard Tesmar, über deren Angehörige zunächst nichts bekannt war.
Mit "Aktion
Storch" von Berlin nach Wiefelstede
von Wolfgang Hase
"Solange noch so ville Jerumpel in Balin rumliecht, so lange
bleib ick hier mang die Kühe!" Zehn Jahre alt war der kleine
Berliner, als er sich zu diesem Entschluss durchrang. Seine Mutter war
in Berlin geblieben, und wo sein Vater war, das fragten sich beide seit
Monaten.
Anfang November 1945 spielte sich diese Szene in der
Ammerland-Gemeinde Wiefelstede ab. Der Zehnjährige war Horst Baber aus
Berlin-Wilmersdorf. In den letzten Oktobertagen war er im Rahmen der
Evakuierungsmaßnahme "Aktion Storch" aus dem zerbombten
Berlin herausgeholt worden. Mit ihm waren es allein 4000 Kinder, die zunächst
im Land Oldenburg Quartier finden sollten.
Horst Baber war dem Bauern Johann Ovie und seiner Ehefrau Sophie
zugewiesen worden. Um deren Mittagstisch versammelten sich noch einige
Flüchtlinge mehr und das hier gezeigte Foto - eines der wenigen überlieferten
Bilddokumente jener Jahre - zeigt sie uns noch einmal: Links der 14jährige
Willy Labrenz mit seiner Mutter, die aus Walleiken (Ostpreußen) zunächst
nach Berlin geflohen waren. Fast ein Jahr hatten sie für diesen Weg auf
den Landstraßen benötigt und waren nun ebenfalls Dank der "Aktion
Storch" bei der Familie Ovie untergekommen. Auch Frau Labrenz hatte
seit vielen Monaten nichts mehr von ihrem Ehemann gehört. Es folgen
Johann Ovie mit Sohn (10) und Tochter (14), daneben der kleine Horst
Baber aus Berlin, Sophie Ovie und ganz rechts die 5jährige Hildegard
Tesmar, über deren Angehörige zunächst nichts bekannt war. Des
weiteren lebte als "Fremder" noch ein aus der
Kriegsgefangenschaft entlassener Soldat aus dem Saarland auf dem Hof.
Sauerkraut und Kartoffeln mit Speck gab es an jenem Tag, als dieses
Foto entstand und damit stand sich die Familie Ovie mitsamt ihrer
"Einquartierung" recht gut. Lange Monate des Elends sollten
sich für das unter den Kriegsfolgen leidende Europa anschließen. Trotz
eigener Notlage organisierte die britischen Militärbehörden in ihrer
Zone ab Januar 1946 eine tägliche Speisung von 1,5 Millionen Kindern.
Die Lebensmittel wurden aus den Beständen der Besatzungstruppen
entnommen. Allein in der Stadt Oldenburg bekamen 17.000 Kinder an fünf
Tagen der Woche jedenfalls eine warme Suppe.
Die Bevölkerung des Landes Oldenburg nahm innerhalb eines Jahres bis
zum Juni 1946 um über 166.000 Menschen auf 722.366 Einwohner zu. Die
Stadt Oldenburg war sogar zur Großstadt geworden: 105.000 Einwohner -
das bedeutete eine Zunahme um über 30.000 seit 1939.
Die Unterbringung der Flüchtlinge machte natürlich Probleme und
nicht überall waren die aus dem Osten kommenden Menschen willkommen in
der neuen Heimat. Das Land Oldenburg verfügte im Sommer 1946 über
119.000 Wohnungen mit 466.247 Wohnräumen für die über 700.000
Bewohner. Anschaulich wird die Wohnungsnot angesichts der folgenden
Zahlen aus dem Oldenburger Land jener Tage: Im Stadtkreis Delmenhorst
waren die Verhältnisse noch am günstigsten - mit 8,2 Quadratmetern pro
Person, am ungünstigsten waren sie in dem von Kriegszerstörungen
besonders betroffenen Wilhelmshaven, wo die Wohnfläche nur noch 4,6
Quadratmeter betrug. (Stadt Oldenburg 7,1 qm, Landkreis Oldenburg 6,0
qm, Friesland 7 qm, Wesermarsch, 6,4 qm, Ammerland 5,5 qm, Vechta 4,9 qm
und Cloppenburg 5,2 qm.)
Doch auch Zeichen des Neubeginns fehlten in jenen Tagen nicht: An dem
Tag, als Horst Baber bei der Familie Ovie eintraf, hoben die britischen
Besatzungsbehörden das Umgangsverbot teilweise auf: ihre Soldaten
durften wieder in deutschen Familien verkehren.
...und vieles ging einfach weiter wie vor dem Kriegsende: Im
Oldenburger Lichtspielhaus "Schauburg" spielte man wieder vor
ausverkauftem Haus August Hinrichs Stück "Alles für die
Katz" und der VfB Oldenburg kam gegen die Osternburger Tura 76 über
ein 2:2 nicht hinaus. |